In stillster Trauer?

«Beerdigen Sie mich, Herr Pfarrer? Versprechen Sie mir, mich zu beerdigen, Herr Pfarrer? Was muss man tun, damit man auf dem Friedhof ein Grab bekommt?», waren die ersten Fragen einer todkranken Frau beim Spitalbesuch. Sie hatte die Beerdigung einer nahen Verwandten miterlebt: Aschenverstreuung im See. Für sie eine Horrorvorstellung: kein Grab, verstreut, im Wasser aufgelöst.

Diese Begegnung ist ein Extrembeispiel. Doch beobachte ich vermehrt, dass Urnen von den Angehörigen heimgenommen werden. Oft bedeutet das, dass kein Grab existiert. Oder dass die Gedenkstelle einem kleinen Kreis von Angehörigen vorbehalten ist.

Obwohl sterben eine private Angelegenheit ist, geschieht es auch in aller Öffentlichkeit. Für die nahen Angehörigen verändert sich alles. Aber auch die Öffentlichkeit nimmt das Fehlen der Person wahr. In der Spannung zwischen privat und öffentlich bewegen sich die Hinterbliebenen in den Tagen nach dem Tod einer geliebten Person. Sie müssen Entscheidungen bezüglich Bestattung und Abdankung treffen. Dabei berücksichtigen sie die mutmasslichen und die geäusserten Wünsche der Verstorbenen. Auch die eigenen Bedürfnisse spielen eine Rolle. Vielleicht hat der Verstorbene aber auch einen Willen geäussert, der den Vorlieben und Bedürfnissen der Angehörigen nicht entspricht.

Aus seelsorgerlicher Sicht teile ich folgende Überlegungen mit Ihnen: Aus Erfahrung empfehle ich ein Grab auf dem Friedhof. Es ist eine Gedenkstätte, die die Familie und die Öffentlichkeit in der Trauer aufsuchen können. Sowohl das Grab wie auch die Trauerfeier sind ein geschützter Rahmen für Trauer und Erinnerungen. Manchmal wird von einem Trauergottesdienst abgesehen, weil der Verstorbene nicht wollte, dass man um ihn ein grosses Aufsehen macht. Aber eine öffentliche Trauerfeier ist kein «in den Mittelpunkt stellen» der verstorbenen Person, sondern ein würdiger Abschied. Das ist ein Recht, das jeder Mensch hat, und für das man sich nicht zu entschuldigen oder zu schämen braucht. 

Stille Trauer ist gut.
Aber lassen Sie auch die öffentliche Trauer zu.

Mein Plädoyer als Pfarrer und Seelsorger ist: Machen Sie sich frühzeitig Gedanken über das Sterben und den Tod, und beziehen Sie Ihre engsten Familienangehörigen in die Entscheidungen mit ein! Die Hinterbliebenen müssen sich nach dem Tod mit dem Verlust zurechtfinden. Eine würdige Trauerfeier und ein Grab sind kein Aufsehen um die eigene Person, sondern ein Ritual und ein Ort, die den Hinterbliebenen in der Trauer Halt bieten.

Pfr. Benjamin Rodriguez